Statement


Like an anthropologist who must have specimens of contemporary humans, I drew and collected faces; and this is how my face series began. I discreetly glanced at the passersby, quickly sketched their faces and created paintings based on the drawings back at the studio, and repeated this cycle. Back then, I did not and could not know, but with hindsight, I realize that I had struggled to gaze at the face instead of the mask. Call them pedestrians or passersby, you can see hundreds of them in just a day if you commit to the task. Instead, I began to doubt if what I was seeing were real (true) faces, questioned what exactly the face and the presence are, and wondered why I could not remember a single face from the hundreds I saw unless I had paid particular attention to it. These questions led me to focus on a particular insufficiency. At the same time, I read the face of the passerby as an image with highly concentrated contents, and I wanted to translate those condensed elements into painting – the medium I'm most proficient in.

In the subjects, I gazed at, in me who was being gazed by my subjects, and in the distance separating me and the subjects – in all of them I found an insufficiency or inadequacy. This sense of lacking seemed to outstretch my sense of sight and the way I view an image. In turn, I parted ways with my previous practice of portraiture, and for my next project, I paired my creative process with the aforementioned questions and ideas. For instance, while watching Shoah (1985) I would come across a photo where people lined up for the concentration camp or the gas chamber had become immortalized as they gazed at the camera, or a miniature plaster reproduction kept at a museum. Such images become the subjects of my painting. But I do not compose such an image in a representative manner. Rather, I imagine how it would look in an exhibition space, how it would interact with other paintings to compose a montage-like narrative; in other words, I want the paintings from my new project to serve curatorial purposes as well as painterly ones.

Back in 2010, I served seven months at post-earthquake Haiti as a dispatched soldier, and the experience drastically shifted my viewpoint. This was what initiated my Passersby series. Whereas, the current series I'm working on was ignited by the 2016-17 South Korean protests, a series of rallies demanding the impeachment of President. The gatherings lasted for months, joined by many hundreds of thousands of protesters. Yet, instead of focusing on the inherent political aspects, I was fascinated by the existence of the masses itself – or the image of the masses. I once thought, were the paintings in my series to demand anything, it would be either body or life. The sensation I felt at the protest linked to this line of thought. Thus in the coming future, I plan to draw and paint images of the masses, in which the main characters will be the numerous faces I have gathered over the years through my Passersby project. The effort here is to question what the image is: the image's nature, its visuality, phenomenon, and presence.

2020 Statement.



[De]  Gesichter ohne Namen



<Passersby, Difference and Repetition>  Öl auf Leinwand 259.1×193.9
cm 2015

Wir alle haben Kindheitserinnerungen von Geistergeschichten, die in langen Sommernächten unter der Bettdecke erzählt wurden. Ein immer wiederkehrender Protagonist dieser Geschichten ist in Korea der „Gesichtslose Geist“. Dieser Geist erscheint zunächst ohne seine Vorderseite zu offenbaren, doch wenn sich der Geist zu erkennen zeigt, sieht der Betrachter in nichts als eine gesichtslose, stumpfe Leere. Der Grund dafür, den „Gesichtslosen Geist“ als ein Objekt der Angst wahrzunehmen, geht über die reine Fremdartigkeit seines Äußeren hinaus. Vielmehr hat es damit zu tun, wie wir das Gesicht als Teil des Körpers sehen.



<Passersby, Unmask> Öl auf Leinwand 90.9×72.7cm 2016

Der Fotograf Suntag Noh sieht das Gesicht als standardisierendes Kriterium, eine Person als Individuum zu identifizieren: „… der einzige Körperteil, der als Äquivalent zum Namen einer Person gesehen werden kann, ist das Gesicht.“ Das Gesicht ist nicht nur die Vergegenwärtigung der einzigartigen Identität einer Person, sondern auch ein untrüglicher Beweis dafür, dass diese Person existiert hat. Auch wenn die Personen, die in einer Ausstellung fotografisch dargestellt sind, gänzlich unbekannt sind, genügt die Existenz einer porträtierenden Fotografie als Beweis, dass diese Personen zu einer gegebenen Zeit gelebt haben. Das menschliche Gesicht ist das einzige Studienobjekt des Künstlers Jaeyeol Han. Doch anstatt realistische Ebenbilder zu erzeugen, bildet er Personen in namenloser Anonymität ab. Jaeyeol malt Gesichter, deren Namen getilgt wurden.


〈Passersby, Outrageous〉 (Ausschnitt) Oil Stick auf Leinen 25×35cm 2013

Jaeyeol beobachtet Gruppen von Menschen und skizziert die charakteristischen Besonderheiten interessanter Gesichter innerhalb weniger Minuten. Diese Skizzen dienen später als Basis für die Werke, die in seinem Studio entstehen. Ohne das Wissen, dass sie beobachtet werden, geben einige Passanten für einen Augenblick tiefe Einsicht in ihre Gefühle und Stimmungen. Genau diese gefühlsmäßigen Momentaufnahmen werden zu unverwechselbaren Gesichtsausdrücken, die wiederum später als Leitmotiv in Jaeyeols Werk wiederbelebt werden. Jaeyeol beschreibt es so: „Ich eröffne die Möglichkeit, den Gesichtern Leben einzuhauchen, die allzu leicht übergangen oder ignoriert werden können. Ich versuche eine neue Perspektive in unserem modernen Zeitalter zu schaffen, in dem sich Menschen oft passiv begegnen – über Telefon oder Facebook –, anstatt sich in der realen Welt zu treffen, von Angesicht zu Angesicht.

2010, als Jaeyeol seine Reihe “Passersby” in Irland begann, arbeitete er mit Leinwänden in A4-Größe (8,27 x 11,69 inches). Einerseits konnte er so mehr Werke fertigstellen,andererseits waren die porträtierten Gesichter fast in Lebensgröße, was den Eindruck einer „Personengruppe“ entstehen ließ, wenn die Werke gemeinsamausgestellt wurden. Später wurden seine Bilder größer als zwei Meter. Jaeyeol arbeitet mit Oil Sticks, die als Verlängerung der Bewegung von Schulter zu Arm und letztendlich zur Leinwand fungieren. Je größer die Leinwand, desto dynamischer sind die Körperbewegungen des Künstlers. Der Fokus liegt hierbei auf der Erforschung der fundamentalen, der Malerei innewohnenden Möglichkeiten. Zu diesem Zweck malt Jaeyeol die Gesichter in der Reihenfolge Knochen, Muskeln, Körperfett und Haut, um so die somatischeStruktur seiner Vorlage ausdrücken zu können.



〈Passersby, In silence〉 Öl auf Leinwand. 190×130cm 2013

Er sieht seine Arbeit als “beides, Malerei und Bildhauerei zur gleichen Zeit“. Das Impasto ist charakteristisch für seinen Stil. Das daraus resultierende Gefühl von Tiefe in Kombination mit hellen, ausdrucksstarken Grundfarben erzeugt Authentizität. Die charakteristischen Merkmale seiner Vorlage, die sie umgebende Atmosphäre und der Lichteinfall dienen als Ausgangspunkt für die Werke. Jaeyeols Farbauswahl ist eine Symbiose aus einer Anlehnung an Goethes Farbtheorie und seinem eigenen Instinkt. Er sieht die Reihe „Passersby“ als Prolog einer Geschichte, die ihn sein ganzes Leben begleiten wird. Jede Person, die er in einem seiner Werke eingefangen hat, spielt eine ganz bestimmte Rolle innerhalb dieser Geschichte. Welche Rolle ein bestimmtes Porträt hierbei spielt, bleibt dem Betrachter selbst überlassen. Ob Fahndungsfoto, Fotografie oder gemaltes Porträt, wir sind ständig mit einer überwältigenden Anzahl an Gesichtern konfrontiert, denen wir jedoch kaum Beachtung schenken oder uns gar weigern, uns an sie zu erinnern. Jaeyeols Arbeit gibt uns die Möglichkeit, die Rolle des menschlichen Gesichts in unserer modernen Gesellschaft zu überdenken, etwas das trotz seiner unentbehrlichen Wichtigkeit oft in die Sphäre der Peripherie verbannt wird.